Was hört man nicht alles über Elektroautos! Zu geringe Reichweite für den Urlaub, zu wenig Platz für die Familie und leistbar nur, wenn es “Made in China” und urkompliziert in der Bedienung ist. Und sowieso und überhaupt hat aber Europa alles verschlafen. Aber ist dem wirklich so?

Also habe ich mich auf die Suche gemacht, ob es nicht doch ein europäisches E-Auto gibt, das folgende Kriterien erfüllt:

  • über 500 km WLTP-Reichweite
  • über 500 l Kofferraum
  • unter 50.000 Euro Listenpreis (somit unterhalb des VW Passat Variant, dem “Urmeter” des Familienkombis, der in Österreich derzeit ab 52.190,- erhältlich ist.)

Gefunden habe ich dabei gleich mehrere Fahrzeuge, ausgewählt habe ich zwei. Mit beiden bin ich ins Burgenland gefahren, um zu sehen, wie sich sich auf der großen Reise behaupten.

Opel Grandland

1. Opel Grandland

Zu Opel braucht man nicht viel sagen, der Anblick genügt. Seit Opel zu Stellantis gehört, darf Opel wieder Opel sein. Stattlich, solide, geradlinig. Gebaut wird der Grandland in Eisenach, einem der wohl traditionsreichsten deutschen Automobilproduktionsorte und einem der geschichtsträchtigsten Städte der Bundesrepublik. Statt der weltbekannten Wartburg in Eisenach musste für mich jedoch die Friedensburg Schlaining im Burgenland als Kulisse herhalten.

Opel Grandland

An der Familientauglichkeit gibt es keinen Zweifel. Hinter dem großzügigen Innenraum gibt es einen 550 Liter fassenden Kofferraum.

Opel Grandland

Superkomfortable AGR-Sitze (“Aktion Gesunder Rücken”) gehörten bereits zu GM-Zeiten zu den herausragenden Werten Opels, unter Stellantis-Regie hat sich daran nichts geändert. Die Verarbeitung ist sauber, die Materialien wertig. Von Kunstlederorgien wie sie manche chinesische Hersteller zelebrieren, hält sich Opel bewusst fern.

Opel Grandland

Elektronisch gibt es auch keine Exzesse, vieles ist klassisch über Knöpfe zu steuern, zum Benzin-Grandland gibt es praktisch kaum einen Unterschied in der Bedienung. Alle Assistenzsysteme funktionieren äußerst zuverlässig und harmonisch.

Opel Grandland

Die Fahrt erwies sich als äußert komfortabel. In starken Kurven merkt man natürlich, dass man in einem doch etwas hochbeinigen SUV mit Frontantrieb unterwegs ist. Von etwas über 200 PS darfst Du Dir natürlich auch nicht die Performance eines Supersportlers erwarten. Für den familiären Alltags- und Urlaubsbetrieb hat man aber immer genug Power und Sicherheitsreserven.

Opel Grandland

Bereits mit dem “kleinen” Akku (73 kWh) sind 521 km WLTP-Reichweite drin, mit dem “großen” (98 kWh) dann sogar 694 km. 

Opel Grandland

Da ich mehrere Tage im Burgenland war, hab ich vor Ort doch nachgeladen, was übrigens am Schnelllader mit bis zu 160 kW möglich gewesen wäre. Nachträglich betrachtet war es nicht wirklich notwendig. Auf der Rückfahrt konnte ich den Verbrauch sogar auf unter 15 kWh/100 km drücken, was auch für einen Kleinwagen ein recht guter Wert gewesen wäre.

Opel Grandland

Dass der Grandland “nur” 4,65 m lang ist, sieht man ihm weder von außen noch von innen an. Im Gegensatz zum Renault gibt es vom Grandland auch eine Allradversion mit 2 Motoren (insgesamt 325 PS). Diese ist übrigens nur mit dem “kleinen” Akku verfügbar und kostet ungefähr dasselbe wie der Fronttriebler mit dem “großen” Akku.

Der Opel Grandland hat übrigens einige Geschwister, mit denen er sich Technik, Türen und Bedienelemente, nicht aber Front, Heck, Sitze und Armaturenbrett teilt und die außerdem in Bezug auf Fahr- und Ansprechverhalten ganz anders abgestimmt sind. Wer es klassisch-französisch liebt, kann auch zum Peugeot 5008 greifen, Avantgardisten nehmen den Citroën C5 Aircross. Der Jeep Compass komplettiert das Quartett. Dieser ist übrigens wie die Western-Helden Bud Spencer und Terence Hill trotz amerikanischem Namen “made in Italy”.

Etwas weitschichtigere und eher limousinen- bzw. coupehafte Verwandte des Grandland wären die Peugeot Modelle 408 und 3008, der Citroën C5-X sowie die DS No. 8.

Preise in Österreich (Stand Dezember 2025):
FWD 73 kWh (213 PS; 73 kWh Akkukapazität, 521 km Reichweite, 160 kW DC-Laden): EUR 42.990,- inkl. MWSt.
FWD 98 kWh (230 PS; 98 kWh Akkukapazität, 694 km Reichweite, 160 kW DC-Laden): EUR 47.790,- inkl. MWSt.
AWD 73 kWh (325 PS; 73 kWh Akkukapazität, 502 km Reichweite, 160 kW DC-Laden): EUR 47.490,- inkl. MWSt.

Renault Scénic

2. Renault Scénic E-Tech

Als Van-Ableger des Mégane geboren, ist die vierte Generation des Scénic nun ein offiziell ein SUV, wobei die Kategorisierung auch nicht ganz richtig ist. Im Vergleich zum “richtigen” SUV aus Eisenach ist der Franzose 9 cm flacher, 4 cm schmäler und 18 cm kürzer. Dass es bei der Bodenfreiheit nicht einmal einen Zentimeter Unterschied gibt, glaubt man nicht.

Renault Scénic

Ebenfalls kaum zu glauben ist der Kofferraum, der nur 5 Liter weniger misst.

Zwei europäische Familienhelden für den Urlaub

Auch innen geht es nur unwesentlich kuscheliger zu. Interessant: Auch Renault setzt hier – selbst in der gezeigten “Esprit Alpine”-Ausstattung auf viel Stoff und wenig Leder.

Renault Scénic

Ebenfalls ziemlich konventionell geht es im Innenraum zu. Wer von anderen neueren Renault-, Dacia-, Nissan- oder Mitsubishi-Modellen umsteigt, wird sich wenig umgewöhnen müssen.

Renault Scénic

Im Gegensatz zum Grandland ist der Scénic eher sportlich als stattlich. Ob die Würze nun in der Kürze, in den 7 Mehr-PS, in der niedrigeren Sitzposition oder in den über 350 kg weniger Masse liegen, ist schwer zu sagen. Der Scénic liegt auf jeden Fall besser und lässt sich sportlicher durch die Kurven manövrieren.

Renault Scénic

Von großem Vorteil sind die kompakteren Abmessungen auf jeden Fall beim Einparken und im Stadtverkehr. 

Renault Scénic

Die ausklappenden Türgriffe sind der auffälligste Unterschied zu der mittlerweile fast unüberschaubaren Vielzahl an Verbrenner-SUVs aus dem Hause Renault, die übrigens allesamt etwas unkonventioneller daherkommen als der Grandland. Im Grunde genommen sind die Griffe auch die einzige technische Spielerei, die man als verzichtbar ansehen kann. Funktionieren tun sie aber perfekt, genauso wie die zahlreichen Assistenzsysteme.

Zwei europäische Familienhelden für den Urlaub

Mit dem 87 kWh-Akku kommt man lt. WLTP bis zu 614 km weit. Soviel hab ich nicht geschafft, nach 379 km ins Mittelburgenland und zurück hatte ich aber immerhin noch 24% Akkukapazität. 

Einen Zwillingsbruder hat der Scénic übrigens auch und zwar den Mitsubishi Eclipse Cross. Eng verwandt mit dem Scénic sind der kleinere Mégane E-Tech, den es entsprechend auch nur mit Akkus bis maximal 60 kWh gibt, sowie der Nissan Ariya, den es auch mit Allradantrieb und 2 Motoren gibt.

Preise in Österreich (Stand Dezember 2025):
comfort Range (170 PS; 60 kWh Akkukapazität, 424 km Reichweite, 150 kW DC-Laden): EUR 41.090,- inkl. MWSt.
long Range (220 PS; 87 kWh Akkukapazität, 614 km Reichweite, 150 kW DC-Laden): EUR 48.090,- inkl. MWSt.

Fazit

Mit dem Opel Grandland und dem Renault Scénic (sowie manchen ihrer Geschwister), gibt es tatsächlich auch familienurlaubstaugliche E-Autos made in Europe, die preislich unter dem günstigsten Passat liegen.

Beide zeichnen sich weder Leistungs- noch Elektronik- oder Ausstattungsexzesse, wie sie manche Asiaten offerieren, aus und haben auch keine rekordverdächtigen Ladegeschwindigkeiten. Dafür sind sie aber grundsolide und auch für alle, die noch nie mit einem E-Auto gefahren sind, ohne größere Herausforderungen zu fahren.

Vor allem aber bieten sie im Bezug auf Platz und Abmessungen genau das, was europäische Familien brauchen.

Kurzum: Europa braucht man in Bezug auf E-Autos noch lange nicht abschreiben! 

Aber auch wenn beide getesteten Autos meiner Meinung nach die Bedürfnisse europäischer Familien sehr gut erfüllen, so sind sie doch sehr unterschiedlich.

Den Opel Grandland empfehle ich Dir, wenn Du…
…den stattlichen Auftritt liebst.
…einen typischen SUV benötigst.
…das Feeling eines “richtig deutschen” Autos magst.

Den Renault Scénic E-Tech empfehle ich Dir, wenn Du…
…mit dem Auto auch viel in der Stadt unterwegs sein wirst.
…Kurven auch gerne einmal etwas schneller angehst.
…es vom Design her etwas unkonventioneller magst.