Mit einem großen Elektroauto quer durch Europa zu fahren, gilt längst als selbstverständlich. Wer in den letzten Jahren die Medien verfolgt hat, ist unzähligen Erfahrungsberichten begegnet. Bei kleineren Elektroautos sind viele dagegen noch skeptisch – selbst dann, wenn sie bereits eines als Zweitwagen besitzen.
Der Hauptgrund dafür ist einfach: Sie haben es noch nie ausprobiert. Wer den Einstieg in die Elektromobilität mit einem kleinen Stadt- oder Zweitwagen wagt, nutzt diesen zunächst meist für Kurzstrecken. Dabei entstehen oft Eindrücke, die zu falschen Schlussfolgerungen führen.
Von der Kurzstrecke hochrechnen? Lieber ausprobieren!

Foto: Ausflug mit einem größeren E-Auto – Renault Scénic E-Tech in Horitschon (Mittelburgenland)
Auch ich habe diese Erfahrung gemacht. Mit größeren Elektroautos wie dem Renault Scénic E-Tech oder dem Opel Grandland (siehe Foto oben) waren längere Ausflüge und Kurzurlaube nie ein Problem. Aber mit einem Kleinwagen?
Vielleicht kennst Du das: Du startest das Auto, die Anzeige verspricht 270 Kilometer Reichweite. Nach einer kurzen Einkaufsrunde von zehn Kilometern zeigt das Fahrzeug plötzlich nur noch 250 Kilometer an.
Wer das hochrechnet, kommt schnell zum Schluss, dass man sich mit diesem Auto besser nicht mehr als 100 Kilometer von zu Hause entfernen sollte. Doch genau diese Schlussfolgerung ist meist falsch.
Ich habe an ein paar Wochenenden die drei elektrischen Kleinwagen von Renault (Renault 5 E-Tech, Renault 4 E-Tech und Renault Twingo E-Tech) auf längeren Strecken getestet und dabei etwas Erstaunliches erlebt: Nach einiger Zeit kehrt sich der Effekt um. Der Verbrauch sinkt, und die verbleibende Reichweite schrumpft deutlich langsamer, als die gefahrenen Kilometer zunehmen.

Pessimistische Ausgangslage im Renault 4 E-Tech
Akku und Innenraum brauchen Zeit
Der Grund dafür ist einfach.
Nach dem Start muss zunächst der Innenraum auf die gewünschte Temperatur gebracht werden. Im Winter wird geheizt, im Sommer gekühlt – beides kostet Energie. Ist die gewünschte Temperatur erreicht, benötigt deren Erhaltung deutlich weniger Strom als das erstmalige Aufheizen oder Abkühlen.
Doch nicht nur der Innenraum benötigt Zeit. Auch der Akku arbeitet erst dann besonders effizient, wenn er seinen optimalen Temperaturbereich erreicht hat. Je nach Fahrzeug und Außentemperatur kann das 30 bis 45 Minuten dauern. Erst danach zeigen viele Elektroautos ihr volles Effizienzpotenzial.
Clever klimatisieren spart Energie
Wer Klimaautomatik und Heizung bewusst nutzt, kann zusätzliche Reichweite gewinnen.
Wenn Du zu Hause lädst oder kurz vor der Abfahrt laden kannst, solltest Du das Fahrzeug bereits während des Ladevorgangs vorkonditionieren. Die meisten Elektroautos ermöglichen dies per App. Die Energie stammt dann aus dem Stromnetz statt aus dem Akku.
Darüber hinaus lohnt es sich, die Temperatureinstellung zu hinterfragen. Viele Autofahrer übernehmen die vom Verbrenner gewohnten 21 Grad Celsius das ganze Jahr über.
Doch wer im Winter mit dicker Jacke, langer Hose und warmen Schuhen unterwegs ist, kommt oft auch mit 18 Grad problemlos zurecht. Umgekehrt müssen es im Sommer nicht zwingend 21 Grad sein. Mit leichter Kleidung können häufig auch 24 Grad angenehm sein.
Zum schnellen Erreichen der Wunschtemperatur kann kurzfristig die Umluftfunktion helfen. Beim Renault 5 wird sie beispielsweise automatisch aktiviert, wenn die Schnellklimatisierung (AC MAX) eingeschaltet wird. Danach sollte jedoch wieder Frischluft zugeführt werden, damit die Luftqualität im Innenraum erhalten bleibt.
Einfache Maßnahmen helfen ebenfalls
Die Klimaanlage hat uns in den vergangenen Jahrzehnten durchaus verwöhnt. Dabei hatten viele Autofahrer erst vor rund 20 Jahren ihr erstes Fahrzeug mit serienmäßiger Klimaanlage.
Damals parkte man häufiger im Schatten oder legte einen Sonnenschutz hinter die Windschutzscheibe. Solche einfachen Maßnahmen kosten nur wenige Euro und verhindern, dass sich der Innenraum unnötig stark aufheizt.

Foto: Einfacher Sonnenschutz in einem Renault 5 E-Tech
Was spricht dagegen, auch bei modernen Fahrzeugen – egal ob Elektro- oder Verbrennerfahrzeug – solche einfachen Möglichkeiten weiterhin zu nutzen? Eigentlich nichts.
Und an einem milden, bewölkten Tag darf die Klimaanlage durchaus auch einmal ganz ausgeschaltet bleiben.
Niemand ist verpflichtet, das Tempolimit auszureizen
Nur weil auf der Autobahn 130 km/h erlaubt sind, musst Du diese Geschwindigkeit nicht dauerhaft fahren.
Erstaunlich ist vor allem, wie wenig Zeit Du verlierst, wenn Du auf freien Autobahnabschnitten mit 115 km/h statt mit 130 km/h unterwegs bist.
Auf zehn Kilometern beträgt der Unterschied lediglich rund 36 Sekunden. Auf der Strecke von Krems nach Wien kommen – unter idealen Bedingungen ohne Baustellen – ungefähr 50 Kilometer mit einem Tempolimit von 130 km/h zusammen. Der Zeitverlust beträgt dort gerade einmal etwa drei Minuten.
Dafür sinkt der Energieverbrauch um rund 20 Prozent. Das gilt übrigens nicht nur für Elektroautos, sondern auch für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor.
Auf der anderen Seite gewinnst Du eine entspanntere Fahrt, kannst Dich angenehmer mit Deinen Mitfahrern unterhalten oder einen Podcast hören, ohne dass Wind- und Fahrgeräusche dominieren.
Probiere es bei Deiner nächsten Freizeitfahrt einfach aus. Mit 115 km/h bist Du noch weit vom Schleichen entfernt.
Nicht immer ist die Autobahn die beste Wahl
Manchmal lohnt sich auch ein Blick auf die Karte.
Wenn Du beispielsweise von Krems nach Melk fährst, kannst Du über die B3 oder die B33 durch die Wachau fahren und sparst dabei einige Kilometer gegenüber der Route über B37a, S33 und A1.
Ein weiteres Beispiel ist die B210 durch das Helenental. Wer von Westen nach Baden oder in südlich gelegene Orte fährt, kann dadurch einen Teil der A21 und A2 vermeiden.
Kürzere Strecken bedeuten schließlich auch weniger Energieverbrauch.

Foto: Renault 5 E-Tech in der Wachau (aufgenommen im Herbst 2025)
Schnellladen mit Köpfchen spart Zeit und Nerven
Gerade beim Schnellladen entstehen viele Missverständnisse.
Wer direkt nach dem Start versucht, an einem Schnelllader Energie nachzuladen, erlebt manchmal eine Enttäuschung – vor allem in kälteren Jahreszeiten. Die Ladeleistung kann dann sogar unter jener eines AC-Ladepunktes liegen.
Der Grund ist derselbe wie beim Fahren: Der Akku hat seinen optimalen Temperaturbereich noch nicht erreicht.
Ein kalter Akku wird zunächst vorsichtig geladen. Erst wenn sich die Batterie ausreichend erwärmt hat, gibt das Batteriemanagement die volle Ladeleistung frei.
Wer seinen ersten Schnellladeversuch genau unter solchen Bedingungen durchführt, kommt schnell zum falschen Schluss, dass Schnellladen generell langsam sei.
Deshalb empfiehlt es sich, Schnellladestopps während der Anfahrt einzuplanen und nicht erst nach einer längeren Standzeit.

Foto: Renault Twingo E-Tech am Schnelllader im Ladepark Amstetten
Starte die Wanderung direkt bei der Ladestation
Planst Du vor Ort eine Wanderung von zwei oder drei Stunden, kann es sinnvoll sein, direkt an einer Ladestation zu parken und von dort zu starten.
Gerade in kleineren Orten befinden sich Ladestationen häufig am Hauptplatz oder in unmittelbarer Nähe wichtiger Ausgangspunkte.
Im Normalfall kostet Dich das keine zusätzliche Zeit. Schließlich informierst Du Dich vor einer Wanderung ohnehin über Parkmöglichkeiten, Parkgebühren, öffentliche Toiletten, Streckenverlauf, Ausrüstung und weitere wichtige Details.
Warum also nicht gleich auch die Lademöglichkeit berücksichtigen?
Beachte aber bitte etwaige Blockiergebühren, die je nach Tarif nach 3 oder 4 Stunden anfallen und plane dabei auch etwas Zeitreserve ein, um keinen Stress beim Wandern zu bekommen!

Foto: Renault 4 E-Tech bei der öffentlichen Ladestation bei der Kirschblütenhalle in Breitenbrunn am Neusiedler See
Gelegenheitsladen reduziert Stress
Wenn Du wie ich gerne abwechslungsreiche Ausflugstage gestaltest, ergeben sich oft viele Gelegenheiten zum Laden.
Vielleicht besuchst Du mehrere kurze Wanderungen, gehst zwischendurch essen oder schaust Dir ein Museum, einen Tierpark oder eine Sehenswürdigkeit an. Viele dieser Orte bieten mittlerweile Ladepunkte an.
Nutze diese Möglichkeiten ruhig, auch wenn Du die Heimfahrt theoretisch noch ohne Nachladen schaffen würdest. Oft erspart Dir das später unnötigen Stress.
Ein angenehmer Nebeneffekt: Ladestationen befinden sich häufig näher am Eingang als reguläre Parkplätze.

Foto: Renault 5 E-Tech vor dem Parkdeck des “Haus der Digitalisierung” in Tulln
Und wie finde ich überhaupt eine Ladestation?
Wer noch kein Elektroauto fährt, nimmt viele Ladestationen im Alltag gar nicht bewusst wahr.
Während Tankstellen meist hell beleuchtet und schon aus großer Entfernung sichtbar sind, wirken Ladestationen oft deutlich unauffälliger. Manchmal sind sie sogar regelrecht versteckt.
Die gute Nachricht: Praktisch jedes moderne Elektroauto zeigt Ladestationen direkt im Navigationssystem an und informiert darüber, ob diese verfügbar sind.
Zusätzlich bieten viele Ladekartenanbieter eigene Apps an.
Besonders hilfreich finde ich die App Chargeprice. Dort kannst Du Deine Ladekarte hinterlegen und erhältst nicht nur Informationen zu verfügbaren Ladestationen, sondern auch zu den jeweils anfallenden Kosten.

Foto: Navigationssystem eines Renault 5 E-Tech
Welche Ladekarte ist die richtige?
Immer wieder wird über Tarifdschungel und komplizierte Ladesysteme berichtet.
Für Österreich gilt das jedoch nur eingeschränkt.
Die meisten Landesenergieversorger und zahlreiche Stadtwerke sind im Bundesverband Elektromobilität Österreich organisiert. Das Roaming zwischen den Anbietern funktioniert in der Praxis sehr gut.
Mit einer Ladekarte der EVN kannst Du beispielsweise meist auch bei Wien Energie, Burgenland Energie, Energie Steiermark und so weiter laden.
Wenn Du überwiegend öffentlich lädst, kann sich ein Tarif mit Grundgebühr lohnen. Wer dagegen selten öffentlich lädt oder hauptsächlich zu Hause lädt, fährt meist mit einem Tarif ohne Grundgebühr besser. Der Breakeven liegt hier je nach Modell und Verbrauch meistens bei rund 500 km pro Monat.
Ich selbst nutze eine Ladekarte der Linz AG, die ich über den EMC (ElektroMobilitätsClub) bezogen habe. Dafür fällt zwar ein Mitgliedsbeitrag an, gleichzeitig profitiere ich aber von zusätzlichen Leistungen.
Generell sind die Tarife der österreichischen Energieversorger recht ähnlich. Empfehlenswert sind Angebote ohne zusätzliche Roamingkosten, zum Beispiel von der EVN. Von Minutentarifen würde ich eher Abstand nehmen, da sie sich meist nur dann rechnen, wenn das Fahrzeug dauerhaft hohe Ladeleistungen erreicht.
In manchen Fällen kann auch sogenanntes Ad-hoc-Laden per Kredit- oder Debitkarte günstiger sein, zum Beispiel in Einkaufszentren wie dem ALEX in Krems. Wenn das so ist, wird dies üblicherweise direkt an der Ladesäule ausgewiesen.
Fazit
Tagesausflüge und sogar viele Kurzurlaube sind auch mit elektrischen Kleinwagen problemlos möglich.
Die oft zitierte Reichweitenangst erweist sich in der Praxis meist als unbegründet. Wer die Besonderheiten von Akku, Klimatisierung und Ladeverhalten kennt, wird schnell feststellen, dass moderne Elektroautos deutlich alltagstauglicher sind, als viele vermuten.
Mit etwas Planung, einer entspannten Fahrweise und gelegentlichen Ladestopps steht dem nächsten Wanderausflug mit dem E-Kleinwagen nichts im Weg.

Foto: Renault 4 E-Tech in den Weinbergen bei Jois
Infos zu den Autos:
Mit dem grünen Renault 5 E-Tech ging es in die Lobau (siehe hier) bzw. zum Haus der Digitalisierung nach Tulln, außerdem noch in die Region Carnuntum. Der Renault 4 E-Tech war mein Begleiter ins Burgenland, wo ich unter anderem in Breitenbrunn und Jois war. Im Renault Twingo E-Tech ging es nach Amstetten, also ausnahmsweise nicht zum Weinbergwandern.
Der gelbe Renault 5 E-Tech, der Renault 4 E-Tech und der Renault Twingo E-Tech wurden mir dankenswerter Weise vom Autohaus Mitterbauer-Smola in Krems zur Verfügung gestellt.
Besonders erfreulich: Alle drei Autos blieben bei den Testfahrten sogar unter den WLTP-Verbrauchswerten. (Renault 5 E-Tech: 14,5 kWh/100 km statt 15,2 kWh/100 km; Renault 4 E-Tech: 14,8 kWh/100 km statt 15,1 kWh/100km; Renault Twingo E-Tech: 11,7 kWh/100 km statt 13,1 kWh/100 km).

Foto: Verbrauchsanzeige im Renault Twingo E-Tech








